Es gab ja nun letzte Woche eine eher unschöne Eskalation, teils auf dem Spielerbrett geführt, teils ging es auf dem Adelskanal richtig hoch her.
Ich war im Jahresurlaub, konnte das also nur am Rande verfolgen. Das hatte aber auch was Gutes, weil so war ich mal nicht involviert, sondern konnte mit bissl Abstand versuchen, in Ruhe über all das nachzudenken, was so im letzten Jahr passiert ist.
Dazu jetzt mal ein paar Gedanken und Ausführungen.
Ich kenne die Organisationsform von MUDs nun schon eine ganze Weile. Es gibt eine Trennung zwischen Spielern und Entwicklern. Letztere haben mehr oder weniger lustige Bezeichnungen: Wizards, Götter und bei uns halt Adelige.
Allein die Wortwahl in deutschen MUDs ist schon interessant. Während ein Wizard, also ein Zauberer, eher eine Person mit besonderen Fähigkeiten ist, stehen Götter und Aristokraten über den normalen Menschen. Das halte ich insofern wichtig, als dass bestimmte ‘Machtspielchen’ durch die zu erringenden Titel angeheizt werden. Ätsch ich bin König und Du ‘nur’ Ritter. Und es ist ja nun allzu menschlich, daß Menschen etwas sein wollen. Auch wenn ich das schon im RL komisch finde, daß für eine Arbeitsstelle jemand einen Hochschulabschluß haben müssen soll. Ich würde Menschen nach dem einstellen, was sie können und nicht was für Zettel sie mir zeigen können. Aber ich schweife ab
Ein MUD ist für mich ein ganz normales Softwareprojekt wie jedes andere auch. Und ja, ich arbeite auch anderen Projekten mit, die nichts mit Avalon oder MUDs allgemein zu tun haben. MUDs gibt es sicherlich schon viel länger als die Open-Source-Bazaarprojekte der Neuzeit. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind aber eigentlich identisch:
Es gibt einen Kern von Entwicklern. Die Basis für die gemeinsame Arbeit am Projekt ist ein Vertrauensnetzwerk. Da in den wenigsten Projekten einer alles alleine schafft, wird Schreibrecht für bestimmte Teile delegiert. Moderne Tools, wie z.B. Versionskontrollsysteme erleichtern die gemeinsame Arbeit am Projekt.
Im MUD ist das nicht anders. Der innerste Kern sind die Admins. Diese vergeben dann Schreibrechte (und damit die Teilverantwortung) an die DLs und RLs ab. Diese dann wieder an die Domainmitglieder usw. Das Rechtesystem erlaubt hier eine sehr feingranulare Regelung. Auf diese Weise kann das Vertrauensnetzwerk an den Rändern schwächer sein. Der delegierte Teilbereich ist sehr klein und überschaubar und damit auch kontrollierbar. Es haben sich dazu Organisationsprozesse etabliert, wie neue Inhalte überprüft, abgenommen und ins Projekt übernommen werden.
In der heutigen Zeit ist die Anzahl der aktiven Programmierer stark zurückgegangen. Das heißt aber, daß die Verantwortungsbereiche viel größer werden. Bis auf eine rühmliche Ausnahme habe ich für Nereid niemanden, der derzeit aktiv an der Domain mitarbeitet. Ich bin also allein verantwortlich für 9000 Dateien und 1,3 Millionen Zeilen Code. Das macht etwa 40% der gesamten Codebasis aus.
Grundsätzlich bin ich als Einzelperson damit rettungslos überfordert. Ich versuche, alle wichtigen Fehler so zeitnah zu beheben, wie es möglich ist. Ich würd aber z.B. gern mal Code komplett überarbeiten (z.B. verbraucht Walhalla vielzuviel CPU Zeit), aber das derzeit nicht drin.
Wenn weniger Leute mehr Verantwortung tragen, wird Vertrauen wieder wichtiger. Im Grunde haben wir nur noch einen Rumpf an Programmierern übrig. Das feingranulare Rechtesystem ist nun überdimensioniert. Es wird viel wichtiger, daß die paar Aktiven auch wirklich gut zusammenarbeiten.
Dazu kommt: Im Unterschied zu einem Open-Source-Projekt sind in einem MUD zusätzlich noch mehr oder weniger wichtige Spielgeheimnisse zu hüten. Man kann mit diesen sehr unterschiedlich umgehen:
Es gibt eine Menge Beispiele für erfolgreiche Spiele, wo mehr oder weniger alle Geheimnisse gelüftet sind. In der Community entstehen dann Wikis und andere Datenbanken, in welcher dann alle Informationen gesammelt werden. Der Vorteil für die Spieler ist, daß vieles transparent ist. Wenn ich bei einer Quest nicht weiterkomme und nach stundenlangem Suchen frustriert bin, kann ich Sekundärquellen bemühen und rausbekommen, ob ich nun wirklich zu doof bin oder ob die Quest doof ist
In Avalon hat man die entgegengesetzte Strategie versucht. Es wurde versucht, so viele konkrete Spielinternas wie möglich vor den Spielern zu verstecken wie möglich. Selbst Waffenschaden wird nur durch Adverbien beschrieben anstatt die Zahlen hinzuschreiben und die Bewerte-Funktion ist sehr blumig beschrieben, aber viel zu ungenau bis hin zur Unbrauchbarkeit.
Grundsätzlich würde wahrscheinlich erst einmal nichts Schlimmes passieren, wenn die genauen Werte von Waffen und Rüstungen öffentlich bekannt wären. Ich selbst gehöre da vermutlich zur eher liberalen Fraktion. Aber es ist nunmal so beschlossen worden und gehört nun so zu diesem MUD dazu. Und es ist durchaus auch reizvoll, Sachen selbst rauszufinden oder halt nicht alles zu wissen. Dann rennt man halt mit nichtperfekter Ausrüstung rum, ist doch auch egal.
Damit diese Spielgeheimnisse also auch Spielgeheimnisse bleiben, ist ein intaktes Vertrauensnetzwerk nötig. Man muß den Leuten, denen man die Leserechte für den Sourcecode einräumt, insoweit vertrauen können, daß sie diesen nicht in die Öffentlichkeit tragen. Das ist nicht leicht. Ich habe mehr als einmal gehört, daß anderen Adeligen (oder Anwärtern) unterstellt wurde, dass sie nur adeln, um auf diese Weise an Spielgeheimnisse zu kommen und sich selbst damit einen Vorteil zu verschaffen. Man kennt die echten Motive des anderen leider nicht. 100% Garantie gibt es auch nicht. Man kann nur versuchen, in persönlichen Gesprächen (z.B. auf Treffen) sich ein Bild von der Person zu machen. Ansonsten bleibt nur das, was man tagtäglich in der Kommunikation mit dem anderen sieht.
Der gesamte Prozess, wie man adelt und wie man dann in der Tafelrunde aufsteigt, ist um dieses Vertrauensnetzwerk gebaut. Es gibt eine Reihe Bedingungen, die an einen Kandidaten gestellt werden, z.B. muss er den anderen Adeligen persönlich bekannt sein. Es sollte also mindestens ein mündliches Gespräch gegeben haben. Die Erfahrung hat zeigt, daß dies für Vertrauensbildung eine gute Grundlage ist.
Der Lehrling hat dann einen Lehrmeister, den ihn in den ersten Wochen begleitet. Auch diese Maßnahme dient dazu, den Neuankömmling in das Vertrauensnetzwerk einzubinden. Dann gibt es einen zweiten Lehrmeister und nach erfolgreichem Gesellenstück wird der frischgebackene Ritter als Vollmitglied der Tafelrunde üblicherweise dann in einer Domain mit Aufgaben betraut und dort eingebunden. Zu diesem Zeitpunkt ist er dann hoffentlich in der sozialen Gruppe angekommen oder auf gutem Weg dorthin.
Was passiert jetzt, wenn dieses Vertrauensverhältnis gestört ist? Ich denke nämlich, daß dies hier das Grundproblem ist. Es gibt also jetzt mindestens eine Person in der Tafelrunde, welche durch schwieriges Verhalten (eine freundlichere und neutralere Beschreibung ist mir grad nicht eingefallen) die Gruppe empfindlich gestört hat. Er selbst zeigt sogar offen an, daß er den Mitgliedern der Gruppe keinerlei Vertrauen entgegenbringt, z.B. durch Nichtveröffentlichung von Meßdaten trotz Aufforderung mit dem Generalvorwurf des Geheimnisverrats.
Weiteres wiederkehrendes Element sind persönliche und emotionale Angriffe auf Mitglieder der Gruppe. Diese stehen einem vernünftigem Umgang und einer Vertrauensbildung ebenfalls im Weg.
Um ein Beispiel zu nennen: Wenn ich z.B. feststelle, daß die aktuelle Implementierung des Berserkermodus die Spieler stark bevorteilt im Vergleich dazu, wie es eigentlich gedacht ist, dann schreib ich dazu einen Text zusammen und händige den an die Admins aus als die zuständigen Stellen.
Jetzt sind da nicht so viele Admins grad aktiv und das Problem ist auch nicht so schlimm akut, daß deswegen jemand Überstunden machen wird, also kommt es auf den großen Haufen, wo draufsteht: TODO. Wenn also nach 4 Wochen da nichts passiert ist, werd ich das nicht persönlich nehmen und einen Zeitungsartikel schreiben, wo ich mich darüber beschwere, daß ich ignoriert werden, den Admin fröhlich beschimpfe oder ähnliches. Genausowenig werd ich mir nacheinander die anwesenden Adeligen schnappen und mich bei jedem Einzelnen ausheulen, wie schlimm das alles ist und daß alle gegen mich sind. Oder mich gar bei Spielern ausheulen. Es gibt Gründe dafür, daß das Problem noch nicht behoben wurde. Diese Gründe haben aber nichts mit mir als Person zu tun.
Der neue Höhepunkt der Ereignisse war dann die beispiellose Nestbeschmutzung, die letzte Woche stattgefunden hat. Für mich ist das ein glatter Vertrauensbruch. Wenn so etwas möglich ist, dann muß ich leider annehmen, daß die betroffene Person sich überhaupt nicht mehr unter Kontrolle hat und aus Wut, Haß oder Trotz weitere Dinge tun wird, die der Gruppe und letztendlich dem Projekt schaden werden.
Ich frage mich sowieso, was das bringen sollte. Mit nur fünf Minuten Nachdenken hätte man einsehen müssen, daß das niemals etwas gebracht hätte, selbst wenn alles berechtigt gewesen wäre.
Wenn ich im realen Leben mit irgendwelchen ernsten Mißständen an die Öffentlichkeit gehe, interessiert sich die öffentliche Meinung dafür und die Staatsanwaltschaft. Es gibt also mindestens eine Instanz, welche theoretisch genug Macht hat, für Gerechtigkeit zu sorgen.
Das funktioniert im MUD aber nicht. Genau diese Instanz existiert nicht. Es wird kein Erzengel Avatar vom Himmel steigen und Recht sprechen. Die Spieler werden nicht in den Hungerstreik treten. Es wird Geschrei geben, eine Menge Leute werden angepißt sein, aber ändern wird sich nichts. Am Ende hats jede Menge Zeit und Nerven gekostet. Für was? Für nichts.
Wenn ich ehrlich bin, fehlt mir in der Tafelrunde eine Art Projektleiter. Der muß gar nicht groß programmieren, der soll das Schiff auf Kurs halten und für Gruppenhygiene sorgen. Sprich, der soll mal seine Pappenheimer zurückpfeifen und wenn nötig wieder auf Linie bringen. Dann kann so ein unnötiger Quark wie im letzten Jahr gar nicht so eskalieren.
Ich für meinen Teil hab ziemlich die Schnauze voll. Ich hab Besseres zu tun, als mich jeden Monat aufs Neue über ein und dieselbe Person zu ärgern. Er bevölkert bereits ganz einsam meine Ignoreliste. Das ist der pure Selbstschutz. Alleine, um meinen Blutdruck zu schonen.
Vielleicht schaffe ich ja dieses Jahr noch, mich bissl um Inhalte zu kümmern. Die Fehlerordner sind wieder dicker geworden, da ist definitiv zuviel liegen geblieben. Dann wartet da ein neues, kleines Metzelgebiet mit einer Aufgabenreihe auf das Feintuning in der Testphase. Im Homemud (Internet ist derzeit daheim bissl hakelig) gibts ein nettes, kleines Beschreibungsprojekt für Nereid und dann gibts da noch was mit Ogern
Von den Langzeitprojekten fang ich jetzt gar nicht erst an. Eigentlich gibts genug zu tun.